Im Lucid Air Sapphire Test wirkt selbst der 831 PS starke Grand Touring plötzlich wie die gemäßigte Empfehlung innerhalb der Baureihe. Eine bemerkenswerte Verschiebung der Maßstäbe. Schließlich hatten wir bei diesem schon selten das Bedürfnis, nach mehr Leistung zu verlangen. Der Sapphire liefert sie trotzdem: 1.251 PS, verpackt in einer Limousine, die ihre technischen Möglichkeiten erstaunlich diskret behandelt.
Nach dem Pure RWD und dem Grand Touring kennen wir das Grundkonzept des Lucid Air bereits ziemlich gut. Viel Platz, eine elegante Karosserie, ein angenehm reduzierter Innenraum und jene Gelassenheit, die lange Strecken kürzer erscheinen lässt. Dazu kommen einige Eigenheiten bei der Bedienung. Beim Sapphire bleibt vieles davon erhalten. Neu ist vor allem die Entschlossenheit, mit der sich dieses Auto in Bewegung setzt.
250.000 Euro verlangt Lucid für das Spitzenmodell. Dafür gibt es die komplette Ausstattung und genau eine Außenfarbe: Sapphire Blue. Wer sich gerne mehrere Abende lang zwischen Lackierungen, Sitzbezügen und Ausstattungspaketen verliert, dürfte hier ungewohnt früh fertig sein. Die eigentliche Individualisierung findet anschließend mit dem rechten Fuß statt.
Allerdings wäre es zu einfach, den Sapphire ausschließlich auf seine Beschleunigung zu reduzieren. Ein Auto dieser Leistungsklasse muss seine Kraft auch auf der Straße sortieren können. Es braucht ein Fahrwerk, das schnelle Richtungswechsel beherrscht, Bremsen, die dazu passen, und ausreichend Komfort für jene Stunden, in denen weder eine freie Autobahn noch eine besonders verlockende Kurve zur Verfügung stehen. Denn auch von mehr als 1.200 PS bleibt der Berufsverkehr ziemlich unbeeindruckt.
Gleichzeitig stellt das Preisschild höhere Anforderungen an den Rest des Fahrzeugs. Ein guter Innenraum, funktionierende Assistenzsysteme und eine zuverlässige Smartphone-Anbindung gehören hier zur Erwartung. Uns interessiert deshalb ebenso, was der Sapphire im Alltag besser macht als seine günstigeren Geschwister – und welche bekannten Ärgernisse er mit ihnen teilt.
Wir haben den stärksten Air auf langen Etappen, im gewöhnlichen Alltag und mit ausgiebiger Nutzung seiner Leistungsreserven gefahren. Dabei ging es um den fahrtechnischen Abstand zum Grand Touring ebenso wie um Verbrauch, Ladeleistung und den Gegenwert dieses bemerkenswert teuren Leistungssprungs. Fahrbericht.
Der Look
Der Lucid Air Sapphire behandelt seine Sonderstellung mit erstaunlicher Diskretion. Die flache Silhouette, die lange Dachlinie und die sauber gezeichneten Flächen kennen wir bereits von seinen günstigeren Geschwistern. Auch das Spitzenmodell bleibt eine elegante Limousine, deren sportlicher Anspruch sich vor allem in den Details zeigt. Wer sich mit Lucid nicht beschäftigt, dürfte hier zunächst ein ziemlich schickes Elektroauto sehen. Der Rest klärt sich gegebenenfalls beim Anfahren.
Sapphire Blue steht dieser Karosserie ausgesprochen gut. Bei wenig Licht wirkt die Metallic-Lackierung sehr dunkel, beinahe schwarz. Mit veränderten Lichtverhältnissen tritt der blaue Farbton deutlicher hervor und gibt den großen Flächen mehr Tiefe. Gerade im Abendlicht entsteht ein zurückhaltender Auftritt, der hervorragend zum Air passt. Unser schwarzer Grand Touring mit Stealth-Paket wirkte noch geschlossener und etwas strenger. Der Sapphire erscheint dagegen optisch aufgelockerter, ohne seine Eleganz einzubüßen.
Vorne sorgen die schmalen Leuchten und die senkrechten Lichtsignaturen für einen hohen Wiedererkennungswert. Die niedrige Nase lässt den Wagen breit und flach erscheinen. Besonders aus schräger Perspektive wird deutlich, wie weit sich die Frontscheibe nach vorne zieht und wie fließend sie in die Dachlinie übergeht. Lucid hat die Grundform so gut getroffen, dass es für die leistungsstärkste Ausführung erfreulich wenig zusätzlichen Schmuck braucht.
Deutlicher fällt die sportliche Note an den Rädern aus. Vorne stehen sie im 20-Zoll-, hinten im 21-Zoll-Format in den Radhäusern. Die dunklen Flächen und hell abgesetzten Konturen passen zur Lackierung und geben der Seitenansicht mehr Spannung. Zusammen mit den bündigen Türgriffen bleibt das Profil dennoch angenehm aufgeräumt. Die Länge von rund fünf Metern fällt vor allem dann auf, wenn man neben dem Auto steht. In der Gesamtansicht wirken die Proportionen erstaunlich leichtfüßig.
Am Heck setzt sich die horizontale Gestaltung mit dem durchgehenden Leuchtenband und dem Lucid-Schriftzug fort. Carbon findet sich an den Außenspiegelkappen und auf der Heckklappe. Diese Akzente sind ausreichend präsent, um dem Sapphire etwas Eigenständigkeit zu geben, drängen sich aber kaum auf. Wer auf dem Parkplatz eine besonders ausführliche Auskunft über die Leistung seines Autos geben möchte, wird das Gespräch selbst eröffnen müssen.
Und innen?
Im Innenraum bleibt der Sapphire unverkennbar ein Lucid Air. Leder, Alcantara, Holz und angenehm weiche Oberflächen treffen auf eine reduzierte Gestaltung, die ohne großen dekorativen Aufwand auskommt. Das wirkt hochwertig und passt zum zurückhaltenden Äußeren. Gegenüber dem Grand Touring entsteht allerdings kein spürbarer Qualitätssprung. Wer vom Spitzenmodell eine deutlich aufwendigere Einrichtung erwartet, findet hier vor allem eine andere Ausgestaltung des bekannten Interieurs.
Das gilt auch für die Sapphire-Sitze. Sie sehen sportlicher aus, fühlen sich im Alltag aber ausgesprochen vertraut an. Einen spürbar besseren Seitenhalt konnten wir gegenüber dem Grand Touring ebenso wenig feststellen wie eine härtere Polsterung. Auch beim Einsteigen verlangen sie keine zusätzlichen Verrenkungen. Man sitzt bequem, findet eine passende Position und kann lange Etappen entspannt absolvieren. Massage und Belüftung arbeiten wirkungsvoll und angenehm. Die sportlichere Optik geht hier erfreulicherweise ohne Komfortverzicht einher.
Einen deutlicheren Unterschied macht das Dach. Das große Glasdach des Grand Touring gibt es beim Sapphire nicht. Damit fehlt ein Teil jener luftigen Atmosphäre, die uns im Grand Touring fast ein wenig Helikopter-Flair vermittelte. Das geschlossene Dach lässt den Innenraum konventioneller und stärker abgeschirmt wirken. Gerade im direkten Vergleich fällt auf, wie viel die große Glasfläche zum besonderen Raumgefühl des Grand Touring beigetragen hatte.
Großzügig bleibt das Platzangebot trotzdem. Vorne sitzen wir angenehm frei, hinten steht weiterhin reichlich Beinfreiheit zur Verfügung. Auch die Kopffreiheit fällt angesichts der flach auslaufenden Dachlinie ordentlich aus. Der Fond-Komfort unterscheidet sich praktisch nicht von den anderen getesteten Air-Versionen. Damit bleibt der Sapphire auch für Mitreisende eine komfortable Limousine. Sie müssen sich wegen der zusätzlichen Leistung weder mit engeren Platzverhältnissen noch mit einer unbequemeren Rückbank arrangieren.
Das gebogene Fahrerdisplay fügt sich sauber in die Cockpitgestaltung ein. Zusammen mit dem Infotainmentbereich und dem großen Pilot Panel in der Mittelkonsole entsteht eine moderne, angenehm aufgeräumte Umgebung. Das untere Display lässt sich elektrisch wegfahren und gibt ein zusätzliches Ablagefach frei. Eine praktische Idee, wobei die seitlich offene Gestaltung den Inhalt weiterhin einsehbar lässt. Das Portemonnaie verschwindet hier also aus dem direkten Blickfeld, bekommt aber keinen eigenen Tresor.
Bei der Verarbeitung bleibt ein kleiner Schönheitsfehler: Auf älterem Kopfsteinpflaster meldete sich der Instrumententräger mit Knarzgeräuschen. Im normalen Fahrbetrieb trat das nicht ständig in Erscheinung, auf entsprechendem Untergrund war es jedoch hörbar. In dieser Preisklasse wünschen wir uns auch dann Ruhe, wenn die Straße ihre besten Jahre bereits hinter sich hat.
Der Antrieb des Lucid Air Sapphire
Drei Elektromotoren liefern im Lucid Air Sapphire bis zu 920 kW beziehungsweise 1.251 PS. Einer arbeitet an der Vorderachse, zwei übernehmen die Hinterräder. Damit kann der Sapphire das Drehmoment hinten für jedes Rad individuell regeln. Dieses Torque Vectoring hilft, die enorme Kraft beim Beschleunigen aus Kurven gezielt auf die Straße zu bringen. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt laut Werk 330 km/h.
Beschleunigung: 0–100 km/h in gemessenen 1,94 Sekunden
Für den Sprint auf 100 km/h nennt Lucid 2,0 Sekunden. Unsere beste Messung lag sogar bei 1,94 Sekunden. Bis man den Satz „Das braucht kein Mensch“ ausgesprochen hat, ist der Sapphire längst dreistellig unterwegs. Das Beschleunigungsvermögen ist schlicht abartig. Selbst mit reichlich Erfahrung in sehr leistungsstarken Autos müssen wir uns an diese Vehemenz erst gewöhnen.
Der gefühlte Abstand zum Grand Touring fällt enorm aus. Dessen 831 PS hatten bei uns kaum Wünsche offengelassen, doch der Sapphire legt unmittelbar und extrem nach. Das gilt für den Start ebenso wie fürs Durchbeschleunigen. Auch jenseits von 200 und 250 km/h stehen noch bemerkenswerte Reserven bereit. Wo andere schnelle Autos allmählich nachlassen, wirkt der Lucid weiterhin ausgesprochen entschlossen. Ein Sportwagenemblem allein ist hier jedenfalls keine besonders überzeugende Verhandlungsgrundlage.
Dabei bleibt der Sapphire fahrtechnisch ausgesprochen kompetent. Er lenkt willig ein, die Lenkung arbeitet ausreichend präzise und das Auto folgt der gewählten Linie überzeugend. Besonders beeindruckend ist, wie früh wir am Kurvenscheitel wieder kräftig beschleunigen können. Die Kraftverteilung sortiert den Vortrieb. Der Fahrer sollte seine Möglichkeiten trotzdem ebenso gut kennen wie die des Autos.
Das Fahrwerk ist straffer als im Grand Touring, verliert dadurch aber überraschend wenig Komfort. Unebenheiten werden weiterhin gut verarbeitet, die Karosserie bleibt kontrolliert. Das ausgesprochen weiche Gefühl einer Luftfederung stellt sich dabei nicht ein. Im Smooth-Modus können wir dennoch ähnlich entspannt reisen wie in den anderen getesteten Air-Versionen. Man kann diesen Lucid morgens auch dann gerne bewegen, wenn gerade niemand beeindruckt werden soll.
Die vier Fahrmodi Smooth, Swift, Sapphire und Track verändern den Charakter spürbar. Smooth passt zur gelassenen Fortbewegung, Swift setzt einen sportlicheren Schwerpunkt. Im Sapphire-Modus lässt sich das Leistungspotenzial besonders eindrucksvoll erleben. Track ergänzt die Unterprogramme für die Rennstrecke: Dragstrip, Hot Lap und Endurance. Sie bereiten Antrieb und Temperaturmanagement auf Beschleunigungsläufe (Dragstrip), schnelle Runden (Hot Lap) oder länger anhaltende Belastung (Endurance) vor. Die Auswahl gelingt direkt über große Felder auf dem Pilot Panel. Für die Eskalation braucht es hier immerhin keine längere Menüreise.
Die Carbon-Keramikbremse des Lucid Air Sapphire ist brutal
Die serienmäßige Carbon-Keramik-Bremsanlage passt hervorragend zum Leistungsüberschuss des Sapphire. Vorne arbeiten Zehnkolben-Sättel mit 420 Millimeter großen Scheiben, hinten Vierkolben-Sättel mit 390-Millimeter-Scheiben. Lucid hat hier offensichtlich berücksichtigt, dass nach dem beherzten Beschleunigen gelegentlich wieder eine Kurve kommt.
Im Test überzeugt vor allem die Verbindung aus enormer Bremswirkung und sauberer Dosierbarkeit. Wir können die Verzögerung fein aufbauen und Geschwindigkeit präzise abbauen. Das Pedalgefühl vermittelt dabei ausreichend Rückmeldung, um die Anlage auch bei entspannter Fahrt angenehm zu bedienen. Störende Geräusche blieben aus. Eine erfreulich zivilisierte Angelegenheit – bis wir ernsthaft zutreten.
Dann beißt die Anlage ausgesprochen nachdrücklich zu. Der Sicherheitsgurt übernimmt kurz die Gesprächsführung, während der Körper eine ziemlich konkrete Vorstellung davon bekommt, wie viel Geschwindigkeit gerade verschwindet. Das hat seinen ganz eigenen Reiz: erst dieser absurde Vorwärtsdrang, anschließend die ebenso entschlossene Verzögerung. Wer leistungsfähige Bremsen zu schätzen weiß, dürfte hier bereits beim nächsten freien Kurveneingang ein leichtes Kribbeln verspüren.
Die Rekuperation fühlt sich dagegen vertraut an und entspricht im Grundcharakter den anderen getesteten Air-Versionen.
Alltag & Verbrauch
Im Alltag bleibt der Lucid Air Sapphire eine gut nutzbare Limousine. Bei zurückhaltendem Umgang mit dem Fahrpedal lässt er sich gelassen bewegen, ohne ständig nach einer Gelegenheit für seine nächste Speed-Vorstellung zu verlangen. Seine Abmessungen sind allerdings immer dabei: Rund fünf Meter Länge und knapp 2,20 Meter Breite einschließlich Außenspiegel verlangen beim Parken entsprechend Platz. Die Kameras unterstützen beim Rangieren, die äußeren Proportionen muss man trotzdem berücksichtigen.
Kofferraum und Frunk: insgesamt 910 Liter Stauraum
Lucid nennt 627 Liter für den hinteren Kofferraum und weitere 283 Liter für den Frunk. Die zusätzliche Leistung geht damit erfreulicherweise ohne Einschränkung des Gepäckangebots einher. Hinten steht ein tiefer, großzügiger Laderaum zur Verfügung. Reisegepäck lässt sich gut unterbringen, bei sperrigen Gegenständen setzt allerdings die flache Öffnung Grenzen. Ein großes Volumen hilft nur bedingt, wenn das gewünschte Möbelstück bereits am Eingang andere Vorstellungen entwickelt.
Die Rücksitzlehnen lassen sich umklappen und erweitern die Transportmöglichkeiten. Vorne ergänzt der große Frunk das Angebot um einen getrennten Stauraum mit zusätzlichem Fach. Ladekabel und weiteres Zubehör können hier untergebracht werden, ohne hinten zwischen den Koffern verschwinden zu müssen. Kofferraum und Frunk lassen sich elektrisch öffnen und schließen. Der Sapphire bleibt somit auch für längere Reisen praktisch, statt seinen Besitzern wegen der sportlichen Auslegung eine besonders anspruchsvolle Gepäckauswahl aufzuerlegen.
Verbrauch: 21,2 kWh/100 km im Testdurchschnitt
Unser gemessener Gesamtdurchschnitt im Lucid Air Sapphire lag bei 21,2 kWh pro 100 Kilometer. Angesichts der Fahrzeuggröße, des Allradantriebs und der verfügbaren Leistung ist das ein guter Wert. Die 1.251 PS müssen also keineswegs bei jeder Fahrt mit entsprechendem Energieeinsatz beschäftigt werden. Sie stehen bereit, auch wenn wir gerade ganz andere Dinge zu erledigen haben.
Auf zügigeren Autobahnetappen kamen wir auf 27,0 kWh pro 100 Kilometer. Bei häufiger Nutzung des Leistungspotenzials stieg der Verbrauch auf 32,3 kWh. Der rechte Fuß beeinflusst den Energiebedarf damit deutlich. Wer sich regelmäßig von diesem Antritt verführen lässt, sollte sich über den steigenden Strombedarf jedenfalls nicht allzu überrascht zeigen. Der Spaß kommt unmittelbar, die Abrechnung etwas später.
Auf unserer bewusst sparsamen Runde begnügte sich der Sapphire dagegen mit 14,8 kWh pro 100 Kilometer. Das liegt erheblich unter dem Gesamtdurchschnitt und zeigt, wie effizient sich auch diese Ausführung bei zurückhaltender Fahrweise bewegen lässt.
Laden & Reichweite
Der Lucid Air Sapphire verfügt laut Hersteller über eine Batterie mit 118 kWh Kapazität und eine 900-Volt-Architektur. Für das DC-Schnellladen nennt Lucid bis zu 300 kW. Diese Größenordnung konnten wir im Test tatsächlich erreichen. Die Vorbereitung der Batterie spielt dabei allerdings eine wichtige Rolle.
Mit vorkonditionierter Batterie erreichten wir wiederholt rund 300 kW, der höchste beobachtete Wert betrug 311 kW. Für die Reiseplanung sind allerdings die Ladezeiten aussagekräftiger als die schönste Zahl auf dem Säulendisplay.
Mit Vorkonditionierung dauerte das Laden von 8 auf 80 Prozent 29 Minuten. Ein weiterer Stopp von 15 auf 80 Prozent beanspruchte rund 25 Minuten. Bei einem vorkonditionierten Ladevorgang bis 100 Prozent vergingen insgesamt rund 75 Minuten.
Ohne Vorkonditionierung erreichten wir ausgehend von 25 Prozent nach 25 Minuten einen Ladestand von 80 Prozent. Nach insgesamt 35 Minuten waren 90 Prozent erreicht, vollständig geladen war die Batterie nach 69 Minuten. Die unterschiedlichen Startladestände sind beim Vergleich entsprechend zu berücksichtigen.
Gerade im oberen Bereich wird das Laden deutlich langsamer: Bei diesem Stopp benötigten die letzten 20 Prozent weitere 44 Minuten. Allein von 90 bis 100 Prozent vergingen 34 Minuten. Der Drang zur Vollständigkeit wird hier ziemlich exakt in zusätzliche Wartezeit übersetzt.
Die manuelle Vorkonditionierung nahm in unserem Test rund 45 Minuten in Anspruch. Wer erst kurz vor der Ladesäule daran denkt, hat zu spät angefangen. Die bordeigene Navigation berücksichtigt Ladestopps und aktiviert die Vorbereitung automatisch, wenn eine Ladestation als Ziel eingegeben wird. Alternativ lässt sie sich manuell starten.
Die elektrisch betätigte Ladeklappe erwies sich gelegentlich als etwas eitel: Sie schloss schon wieder, bevor das Kabel eingesteckt war. Offenbar hat für sie eine saubere Seitenansicht Vorrang vor unserem Wunsch, Strom ins Auto zu bekommen. Zudem startete das Laden im Test oftmals erst bei geschlossenen Türen und mit dem Schlüssel außerhalb des Fahrzeugs. Nach dem Start verriegelte der Wagen automatisch; anschließend konnten wir ihn wieder öffnen, ohne den Ladevorgang zu unterbrechen.
Reichweite: rund 350 Kilometer bei flotter Nutzung
Lucid nennt für den Sapphire eine kombinierte WLTP-Reichweite von 694 Kilometern. Unser Testwagen zeigte nach einer vollständigen Ladung 654 Kilometer an. Für die tatsächlich möglichen Etappen lohnt sich der Blick auf unsere Verbrauchswerte.
Auf Basis der angegebenen Batteriekapazität von 118 kWh ergeben sich beim Testdurchschnitt von 21,2 kWh/100 km rechnerisch rund 560 Kilometer. Bei den 27,0 kWh auf zügigeren Autobahnetappen sind es rund 440 Kilometer, bei häufiger Nutzung der Leistungsreserven mit 32,3 kWh noch etwa 365 Kilometer. Diese Werte dienen als rechnerische Orientierung.
Dazu passt unsere praktische Erfahrung: Etappen von rund 350 Kilometern waren im Test eine verlässlich erreichbare Größenordnung, teilweise ging auch mehr. Wer zurückhaltender fährt, kann entsprechend längere Strecken zwischen den Ladestopps einplanen.
Assistenz, Technik & Ausstattung
Den Lucid Air Sapphire gibt es nur in einer festen Ausstattung und grundsätzlich komplett ausgerüstet. DreamDrive Pro und das große Surreal Sound Pro gehören ebenso dazu wie Komfortsitze mit Massage und Belüftung, Matrixlicht und Rundumkameras. Die üblichen Verhandlungen mit einer langen Aufpreisliste entfallen.
Das Infotainment reagiert sehr schnell, die Menüführung ist überwiegend nachvollziehbar. Die oberen Schnellzugriffe auf Navigation, Radio, Musik und Telefon erleichtern die Nutzung, die Übersetzungen passen. Im Fahrerdisplay können wir allerdings entweder den Batteriestand in Prozent oder die Restreichweite anzeigen lassen. Beides gleichzeitig ist nicht vorgesehen. Für zwei Zahlen nebeneinander hätte das Budget eigentlich reichen dürfen.
Echte Bedienelemente bleiben für Temperatur, Lüftung, Lautstärke und wichtige Lenkradfunktionen erhalten. Die Lenkradwalzen steuern Tempomat und Lautstärke. Spiegel und Lenkrad werden dagegen über den Touchscreen eingestellt. Aus einem einfachen Handgriff wird damit eine kleine Verwaltungsangelegenheit. Die Digitalisierung arbeitet hier ausgesprochen engagiert an Aufgaben, die vorher bereits gelöst waren.
Besonders ärgerlich ist das vollständig fehlende Head-up-Display. Schon ein deutlich günstigerer VW ID.7 bringt ein Augmented-Reality-Head-up-Display serienmäßig mit. Während dort Navigationshinweise ins Sichtfeld projiziert werden, bleibt die Windschutzscheibe des Sapphire diesbezüglich arbeitslos. Je nach Sitz- und Lenkradeinstellung kann der digitale Tacho zudem teilweise verdeckt sein, was insbesondere bei groß gewachsenen Fahrern durchaus vorkommen kann.
Kabelloses Apple CarPlay lief zunächst flüssig. Im weiteren Test fiel Android Auto nach zwei Tagen Nutzung aus. Auch erneutes Anmelden und Versuche mit drei Smartphones halfen nicht. Nach einem Neustart des Infotainments waren schließlich sowohl Android Auto als auch Apple CarPlay ausgegraut und nicht mehr aktivierbar. Immerhin herrschte anschließend Gleichberechtigung: Beide Systeme funktionierten gleichermaßen nicht.
Hinzu kommt ein ausgesprochen schwacher DAB-Empfang. Teilweise genügte bereits eine Brückenunterführung für einen Aussetzer. Für 250.000 Euro würden wir Radiosendungen allerdings gern bis zum Ende hören.
Das DreamDrive Pro arbeitet solide
DreamDrive Pro arbeitet insgesamt angenehm zurückhaltend. Besonders der adaptive Tempomat überzeugt mit präziser Regelung. Auch die Fahrerüberwachung reagiert erfreulicherweise nicht auf jeden kurzen Seitenblick oder ein einzelnes Gähnen. Wir dürfen uns also noch wie Menschen verhalten, ohne sofort eine pädagogische Intervention auszulösen.
Der Spurhalteassistent wirkt gelegentlich allerdings etwas hibbelig und interpretiert Situationen nicht immer richtig. Sein mechanisches Vibrationsgeräusch klingt, als hätte jemand ein altes Nokia 3310 im Lenkrad vergessen. Der Geschwindigkeitswarner lässt sich derweil – und das begrüßen wir sehr – mit wenigen Touch-Befehlen deaktivieren.
Das Abblendlicht gefällt mit hoher Reichweite, guter Helligkeit und einem homogenen Lichtbild. Die Matrixfunktion blendet andere Verkehrsteilnehmer zuverlässig aus, arbeitet dabei aber gröber als besonders fein auflösende Spitzenanlagen. Die grundlegende Ausleuchtung überzeugt dennoch auf ganzer Linie.
Zum Totwinkelassistenten gehört eine Monitoranzeige: Beim Blinken erscheint das Kamerabild der entsprechenden Fahrzeugseite im Cockpit. Das ist eine sinnvolle Ergänzung beim Spurwechsel. Zusätzlich stehen Front- und Rückfahrkamera sowie eine 360-Grad-Ansicht zur Verfügung. Front- oder Rückfahrbild erscheinen oben, die Rundumansicht im Pilot Panel darunter.
Tagsüber sind die Bilder gut nutzbar. Bei Dunkelheit rauschen sie deutlich, besonders stark bei der Totwinkelkamera. Deren Nachtbild erinnert stellenweise an eine Überwachungskamera, deren Anschaffung schon damals unter „Hauptsache günstig“ verbucht wurde. Bei einer Viertelmillion Euro hätten wir gern etwas weniger Archivmaterial im Cockpit.
Surreal Sound Pro klingt gut
Das Surreal Sound Pro liefert einen guten, dynamischen und räumlichen Klang mit kräftigem Tieftonbereich. Der Bass hat Druck, Musik wirkt angenehm präsent und das System macht auch auf längeren Strecken Freude. Mit dieser Anlage lässt sich sehr gut leben. Die Enttäuschung entsteht vielmehr durch die Erwartung, die Lucid mit Preis und Positionierung des Sapphire selbst aufbaut.
Denn bei den absoluten Referenzen bleibt Abstand. Bang & Olufsen Advanced im Audi A8, Bowers & Wilkins Diamond im BMW 7er und Burmester High-End in der Mercedes S-Klasse spielen klanglich auf einem höheren Niveau. Wer diese Anlagen kennt, wird das Surreal Sound Pro als gutes Oberklassesystem einordnen. Der Moment, in dem wir ein vertrautes Musikstück plötzlich völlig neu hören und freiwillig noch zehn Minuten im geparkten Auto sitzen bleiben, stellt sich hier nicht im gleichen Maß ein.
Das wäre bei einem erheblich günstigeren Auto leichter abzuhaken. Beim Sapphire haben wir allerdings gerade 250.000 Euro auf den Tisch gelegt. Da darf die Musikanlage durchaus so überzeugend spielen, dass wir kurz vergessen, was auf der Rechnung stand.
„Surreal Sound Pro“ klingt jedenfalls nach einer sehr ambitionierten Ansage. Klanglich hätten wir uns für das Spitzenmodell noch etwas mehr gewünscht. Und bevor Lucid dafür ein „Surreal Sound Pro Max Ultra“ erfindet: Wir würden zunächst schon einen zuverlässig empfangenen Radiosender nehmen.
Varianten & Preise des Lucid Air Sapphire
Der Lucid Air Sapphire kostet in Deutschland 250.000 Euro. Dafür kommt er vollständig ausgestattet und ausschließlich in Sapphire Blue. Andere Lackierungen oder eine günstigere Ausstattungsvariante sind nicht vorgesehen. Wer eine Viertelmillion Euro überweist, darf bei der Farbe also ungefähr so viel mitentscheiden wie bei der Farbe seines Reisepasses. Immerhin steht ihm das Dunkelblau ausgesprochen gut.
Zum Paket gehören der dreimotorige Allradantrieb mit 1.251 PS, die Carbon-Keramikbremsen, das speziell abgestimmte Fahrwerk und die zusätzlichen Fahrprogramme. DreamDrive Pro, Surreal Sound Pro sowie die Sitze mit Massage und Belüftung sind ebenfalls enthalten. Eine Aufpreisliste müssen wir beim Sapphire somit nicht mehr durcharbeiten. Der Betrag auf der Rechnung steht erfreulich früh fest – wir haben also ausreichend Zeit, uns an ihn zu gewöhnen.
Die Air-Familie: Schon der Einstieg hat 442 PS
Der Lucid Air Pure beginnt bei 85.900 Euro und bringt 442 PS sowie Hinterradantrieb mit. Laut Hersteller erreicht er Tempo 100 nach 4,7 Sekunden, die WLTP-Reichweite beträgt je nach Ausführung 751 bis 831 Kilometer. Das Wort „Einstieg“ sollten wir hier entsprechend einordnen: Von einer Verzichtserklärung mit vier Rädern ist diese Motorisierung ziemlich weit entfernt, wie wir bereits in unserem Test feststellen konnten (Test des Lucid Air Pure RWD). Wer Allradantrieb möchte, muss allerdings mindestens zum Touring greifen.
Dieser startet bei 99.900 Euro und bietet mit zwei Motoren 628 PS. Lucid nennt 3,6 Sekunden für den Standardsprint und eine WLTP-Reichweite zwischen 715 und 780 Kilometern. Damit verbindet der Touring bereits sehr üppige Leistungsreserven mit Allradantrieb. Bei Ausstattung und Gestaltung bleiben zudem Wahlmöglichkeiten erhalten. Das gilt für die Lackfarbe ebenso wie für das Interieur. Für Touring und Grand Touring ist außerdem das Glasdach für 4.500 Euro erhältlich.
Der Grand Touring kostet ab 130.900 Euro. Seine 831 PS reichen laut Hersteller für 3,2 Sekunden von null auf 100 km/h. Mit 817 bis 960 Kilometern nach WLTP setzt er innerhalb der Familie den Schwerpunkt auf besonders große Reichweite. Die jeweils erreichbaren Werkswerte hängen unter anderem von der Radgröße ab; zusätzliche Ausstattung erhöht den Kaufpreis. Unser Grand-Touring-Testwagen (Test des Lucid Air Grand Touring) brachte es auf rund 148.700 Euro.
Zum Sapphire bleiben damit 101.300 Euro Differenz. Dafür bekommen wir neben der vollständigen Ausstattung vor allem den aufwendigeren Antrieb, die Carbon-Keramikbremsen und die gezielt weiterentwickelte Fahrwerkstechnik. Die zusätzlichen 420 PS gegenüber dem Grand Touring und die nochmals gesteigerte Fahrdynamik sind deutlich erlebbar. Innenraumqualität, Platzangebot und Alltagskomfort bleiben dagegen auf einem ähnlichen Niveau. Der Mehrpreis richtet sich entsprechend an Käufer, die gerade diese außergewöhnlichen Leistungsreserven suchen.
Kundenfeedback
Der Lucid Air Sapphire ist ein echter Exot. Ausführliche öffentliche Erfahrungsberichte, die sich eindeutig dieser Variante zuordnen lassen, konnten wir bei unserer Recherche tatsächlich an einer Hand abzählen. Entsprechend vorsichtig muss man sie einordnen: Sie liefern interessante Einblicke, aber keine belastbare Aussage darüber, wie zufrieden Sapphire-Besitzer insgesamt sind. Ein begeisterter Fahrer macht noch keine Kundenzufriedenheitsstudie. Ein enttäuschter allerdings auch nicht.
Was in den vorhandenen Berichten besonders positiv auffällt, ist die Verbindung aus enormer Leistung und erstaunlich gewöhnlicher Alltagstauglichkeit. Die unmittelbare Beschleunigung begeistert, ohne dass die Besitzer dafür ständig ein hartes Fahrwerk, eine laute Kabine oder eingeschränkte Platzverhältnisse hinnehmen müssten. Komfort im Smooth-Modus, großzügiger Stauraum und das entspannte Reisen gehören ebenfalls zu den geschilderten Stärken. Offenbar nutzen Besitzer dieses Auto auch ganz normal zum einkaufen. Der Zeitgewinn entsteht dann allerdings auf dem Weg zum Supermarkt, weniger an der Käsetheke.
Daneben stehen Berichte über Softwareprobleme, eine gelegentlich unzuverlässige Smartphone-Anbindung und Beanstandungen an einzelnen Bauteilen. Auch die Erfahrungen mit dem Servicenetz von Lucid fallen unterschiedlich aus: Es gibt ausdrücklich gelobte Betreuung ebenso wie längere Werkstattaufenthalte und enttäuschte Erwartungen. Verbesserungen durch Softwareupdates werden ebenfalls beschrieben. Aus dieser kleinen Erfahrungsbasis lässt sich jedoch weder eine typische Fehlerliste noch eine Ausfallquote ableiten.
Bei der gesamten Lucid-Air-Baureihe ist die öffentlich zugängliche Erfahrungsbasis deutlich größer. Über verschiedene Varianten hinweg werden Fahrkomfort, leiser Innenraum, Platzangebot und souveräner Antrieb wiederholt gelobt. Reichweite und Effizienz gehören ebenfalls zu den positiven Themen, wobei die Bewertungen je nach Fahrzeug und Nutzung unterschiedlich ausfallen. Bemerkenswert ist, dass selbst manche Besitzer mit Reparaturerfahrungen weiterhin ausgesprochen gern mit ihrem Air fahren.
Weniger einheitlich fällt die Zufriedenheit mit Software, Verarbeitung einzelner Details und Serviceabläufen aus. Neben weitgehend problemlosen Fahrzeugen stehen Berichte über wiederkehrende Störungen oder längere Reparaturzeiten. Modelljahr, Softwarestand und betreuender Servicestandort gehören deshalb zur Einordnung dazu.
Das passt zu einem Auto, dessen fahrerische Qualitäten viel Begeisterung auslösen können, während manche digitale Eigenheit gelegentlich Geduld verlangt. Diese Erfahrungen aus der übrigen Air-Familie liefern zusätzlichen Hintergrund. Welche davon auch den Sapphire betreffen, lässt sich daraus allein jedoch nicht ableiten.
Für wen eignet sich der Lucid Air Sapphire?
Der Lucid Air Sapphire eignet sich für Menschen, die außergewöhnliche Fahrleistungen suchen und dafür weder auf den Komfort einer großen Limousine noch auf deren Alltagstauglichkeit verzichten möchten. Sein besonderer Reiz liegt darin, dass wir die enorme Leistung praktisch jederzeit abrufen können, während das Auto im normalen Verkehr ausgesprochen gelassen bleibt. Die Mitfahrer müssen schließlich nicht bei jeder Fahrt erfahren, was der Kaufvertrag gekostet hat.
Besonders angesprochen dürften Fahrer sein, die sich für Antriebstechnik und Fahrdynamik begeistern. Drei Elektromotoren, eine gezielte Verteilung der Antriebskraft und das kompetente Fahrwerk machen den Sapphire auch abseits gerader Beschleunigungsstrecken interessant. Er kann seine Leistung tatsächlich auf die Straße bringen und bleibt dabei erstaunlich souverän. Wer gern selbst fährt, statt sich ausschließlich an beeindruckenden Zahlen zu erfreuen, bekommt hier reichlich Beschäftigung. Die verschiedenen Fahrprogramme erlauben zudem, den Charakter spürbar an die eigenen Vorlieben anzupassen.
Auch als schnelles Reiseauto besitzt der Sapphire überzeugende Qualitäten. Die guten Sitze mit Massage und Belüftung, das niedrige Geräuschniveau und der großzügige Innenraum passen zu langen Etappen. Im Fond bleibt ausreichend Platz, das Gepäck verteilt sich auf Kofferraum und Frunk. Man muss einen Wochenendausflug deshalb nicht danach planen, welche Zahnbürste noch mitfahren darf. Gerade diese Selbstverständlichkeit macht die Kombination aus Luxuslimousine und extremem Leistungsvermögen so reizvoll.
Zum Nutzungsmuster passt eine eigene Lademöglichkeit besonders gut. Wer regelmäßig zu Hause oder am Arbeitsplatz lädt, startet ohne zusätzlichen Ladestopp in den Alltag. Auf längeren Strecken verlangt der Sapphire etwas Planung, belohnt die rechtzeitige Vorkonditionierung aber mit hoher Ladeleistung. Für Fahrer, die damit bereits vertraut sind, lässt sich das gut in den Reiseablauf integrieren.
Hinzu kommt ein Auftritt, der seine technischen Möglichkeiten vergleichsweise dezent verpackt. Wir sprechen hier von klassischem Understatement. Sapphire Blue, besondere Räder und wenige Carbon-Akzente reichen aus, um ihn innerhalb der Air-Familie erkennbar zu machen. Einen Heckflügel mit eigener Postleitzahl braucht es dafür offenbar nicht.
Letztlich passt der Sapphire zu Käufern, für die gerade diese außergewöhnliche Verbindung den Ausschlag gibt: sehr viel Leistung, ein vollwertiger Innenraum und entspannter Reisekomfort. Wer daran Freude hat und den finanziellen Spielraum besitzt, bekommt ein Auto, dessen Faszination auch nach dem ersten beherzten Beschleunigen noch lange nicht aufgebraucht ist.
Für wen eignet sich der Lucid Air Sapphire nicht?
Wer vom Lucid Air Sapphire vor allem einen besonders großen Zugewinn an Luxus erwartet, dürfte seine Prioritäten anders setzen. Der Innenraum bietet viel Platz, gute Sitze und angenehmen Reisekomfort. Gegenüber dem Grand Touring wirkt er jedoch nicht spürbar hochwertiger. Der erhebliche Aufpreis steckt vor allem im Antrieb und in der Fahrdynamik. Das muss man beim Kauf ausdrücklich wollen. Das Leder entwickelt durch den dritten Elektromotor jedenfalls keine zusätzliche Zärtlichkeit.
Auch für ausgeprägte Individualisten ist der Sapphire nur bedingt die passende Wahl. Lackierung und Ausstattung stehen fest, ein Glasdach ist nicht erhältlich. Wer sich seinen Lucid mit einer bestimmten Farbkombination und möglichst luftiger Innenraumatmosphäre zusammenstellen möchte, findet bei Touring und Grand Touring mehr Gestaltungsspielraum. Die Vollausstattung nimmt einem viele Entscheidungen ab. Die eigene Lieblingsfarbe sollte sie allerdings möglichst schon getroffen haben.
Wer echte Tasten schätzt und grundlegende Einstellungen gern ohne Bildschirm erledigt, sollte die Bedienung vor dem Kauf ausgiebig ausprobieren. Spiegel und Lenkrad über Touch einzustellen, wird auch durch den hohen Kaufpreis nicht plötzlich intuitiver. Hinzu kommen die beschriebenen digitalen Eigenheiten und das fehlende Head-up-Display. Gerade Käufer, die bei einer Viertelmillion Euro technische Vollständigkeit und durchgehend reibungslose Abläufe erwarten, dürften hier gelegentlich die Augenbraue heben. Immerhin bleibt dafür ausreichend Platz unter dem Dach.
Für überwiegend enge Stadtstrecken ist der Sapphire ebenfalls keine besonders naheliegende Wahl. Rund fünf Meter Länge und etwa 2,20 Meter Breite einschließlich Spiegel verlangen Aufmerksamkeit beim Parken und Rangieren. Die Kameras helfen, ändern aber nichts an den Abmessungen. Eine Tiefgarage wird durch 1.251 PS leider weder breiter noch diplomatischer.
Wenig sinnvoll erscheint die Spitzenversion außerdem für Fahrer, die ihre außergewöhnlichen Leistungsreserven kaum nutzen möchten. Wer hauptsächlich entspannt pendelt und gelegentlich längere Reisen unternimmt, bekommt wesentliche Qualitäten des Air bereits in den schwächeren Varianten. Touring und Grand Touring bieten dafür reichlich Leistung und Allradantrieb; der Grand Touring setzt zusätzlich einen stärkeren Schwerpunkt auf Reichweite.
Besonders nüchterne Rechner dürften deshalb innerhalb der Air-Familie eher dort landen. Den Sapphire kaufen wir wegen seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten und der Freude daran. Wer den Mehrpreis dagegen ausschließlich anhand zusätzlicher Alltagserleichterungen rechtfertigen möchte, wird eine ziemlich kurze Liste schreiben.
Fazit zum Lucid Air Sapphire
Der Lucid Air Sapphire ist eines dieser Autos, bei denen wir nach dem Beschleunigen kurz neu sortieren müssen, was gerade passiert ist. Unsere besten gemessenen 1,94 Sekunden von null auf 100 km/h sind selbst nach mehreren Versuchen schwer zu begreifen. Noch beeindruckender finden wir allerdings, wie selbstverständlich das gesamte Fahrzeug mit dieser Leistung umgeht. Antrieb, Fahrwerk und Carbon-Keramikbremsen bilden ein ausgesprochen kompetentes Paket. Lucid hat die zusätzlichen Pferde offenbar auch ordentlich eingeritten.
Dabei bleibt der Sapphire eine angenehm nutzbare Limousine. Er federt gut, reist leise und bietet großzügige Platzverhältnisse. Im Smooth-Modus können wir entspannt unterwegs sein, ohne ständig an das enorme Leistungspotenzial erinnert zu werden. Diese Verbindung macht ihn besonders: Nach einer Beschleunigung, die unsere inneren Organe kurz um eine neue Sitzordnung bittet, fahren wir ganz gelassen weiter.
Die 250.000 Euro verlangen dennoch eine genaue Einordnung. Der Mehrpreis gegenüber dem Grand Touring bringt einen enormen fahrdynamischen Sprung, während Innenraumqualität und Alltagskomfort auf ähnlichem Niveau bleiben. Dazu kommen Bedienungseigenheiten, Schwächen bei einzelnen digitalen Funktionen und ein fehlendes Head-up-Display. Das schmälert die technische Leistung des Sapphire nicht, darf in dieser Preisklasse aber durchaus irritieren. Begeisterung und eine hochgezogene Augenbraue passen problemlos in denselben Innenraum.
Für unseren eigenen Alltag würden wir eher zwischen Touring und Grand Touring wählen. Schon dort sind Leistungsreserven vorhanden, die wir nur selten vollständig nutzen würden. Beim Sapphire bezahlen wir vor allem für die Möglichkeit, noch weit darüber hinauszugehen. Seine Faszination können wir nach diesem Test allerdings sehr gut nachvollziehen.
Er ist ein außergewöhnlich schnelles, erstaunlich komfortables und fahrdynamisch überzeugendes Auto. Der Aufpreis verlangt eine entsprechend große persönliche Begeisterung für genau diese Fähigkeiten. Nur weil der Kopf zum Grand Touring rät, muss der rechte Fuß schließlich noch lange nicht einverstanden sein.
Konkurrenz & Vergleich
Die Konkurrenz des Lucid Air Sapphire ist überschaubar, sobald wir vier Türen, einen vollelektrischen Antrieb und außergewöhnliche Fahrleistungen verlangen. Einige Modelle erreichen ebenfalls mehr als 300 km/h, andere setzen ihre Prioritäten stärker auf Komfort, Ausstattung oder Ladetechnik. Entsprechend lohnt sich der Vergleich auch unterhalb dieser Geschwindigkeitsmarke. Die Zahl auf dem Tacho erzählt schließlich nur einen Teil der Geschichte.
Lucid Air Sapphire vs. Audi RS e-tron GT performance
Der Audi RS e-tron GT performance ist ein besonders interessanter Gegenentwurf. Er startet bei 160.500 Euro, bietet bei Launch Control bis zu 925 PS und beschleunigt laut Hersteller in 2,5 Sekunden auf 100 km/h. Seine Höchstgeschwindigkeit bleibt auch als Performance-Version auf 250 km/h begrenzt. Das zusätzliche Wort am Heck ist also keine Einladung, den elektronischen Türsteher zu umgehen.
Für einen anschaulichen Preisvergleich haben wir den Audi-Konfigurator gründlich beschäftigt. Unsere ausgereizte Zusammenstellung landet bei exakt 225.005 Euro. Darin stecken 64.505 Euro Sonderausstattung – ein Betrag, für den andernorts bereits ein vollständiges Auto vor der Tür steht.
Enthalten sind unter anderem die Individuallackierung Merlin Perleffekt, eine aufwendig individualisierte Audi-exclusive-Innenausstattung, das Aktivfahrwerk, Allradlenkung und Keramikbremsen. Dazu kommen Matrix-LED-Scheinwerfer mit Laserlicht, Nachtsichtassistent, Head-up-Display sowie Sitzmassage und Belüftung. Auch Carbon findet sich reichlich. Wir haben dem Konfigurator wirklich Gelegenheit gegeben, seine finanziellen Gefühle auszudrücken.
Trotzdem bleibt dieser Audi 24.995 Euro günstiger als der Sapphire. Der Lucid bietet dafür nochmals erheblich mehr Leistung, die höhere Endgeschwindigkeit und das großzügigere Platzangebot. Der Audi setzt mit seinen Individualisierungsmöglichkeiten und den genannten Technikoptionen andere Akzente. Wer zwischen beiden schwankt, entscheidet deshalb auch darüber, ob zusätzliche Fahrleistung oder die persönlich zusammengestellte Ausstattung stärker reizt.
Tesla, Porsche und AMG: Die unmittelbaren Herausforderer
Das Tesla Model S Plaid ist mit 1.020 PS und drei Elektromotoren ein naheliegender Konkurrent. Bis zu 322 km/h sind allerdings an entsprechende Hardware-Upgrades und eine geeignete Bremsen-, Rad- und Reifenkonfiguration gebunden. Der zuletzt ausgewiesene deutsche Grundpreis lag bei 119.990 Euro; für einen Kauf sind die jeweiligen Bestandsangebote maßgeblich. Damit bietet der Plaid einen erheblich günstigeren Zugang zu dieser Leistungsklasse.
Der Porsche Taycan Turbo GT startet bei 241.100 Euro und liegt damit preislich nahe am Sapphire. Bis zu 1.034 PS stehen bei Launch Control bereit. Ohne Weissach-Paket erreicht er 290 km/h, mit diesem Paket 305 km/h. Dann entfällt allerdings die Rücksitzanlage. Vier Türen bleiben, zwei Sitzplätze ebenfalls. Wer die ganze Familie mitnehmen möchte, muss bei Porsche also entweder auf die letzten 15 km/h oder auf einen Teil der Familie verzichten. Der Sapphire verbindet seine Fahrleistungen dagegen mit einem voll nutzbaren Fond.
Der neue vollelektrische Mercedes-AMG GT 63 4-Türer beginnt bei 196.350 Euro. Seine drei Axialflussmotoren liefern unter den vorgesehenen Bedingungen bis zu 1.169 PS Spitzenleistung. Mit dem optionalen Driver’s Package erreicht er 300 km/h. Hinzu kommen aufwendige Fahrwerkstechnik und eine vom Hersteller angegebene Ladeleistung von bis zu 600 kW. Damit gehört er als bereits bestellbarer elektrischer Viertürer unbedingt in diesen Vergleich.
Auch der Lotus Emeya 900 Sport ist relevant. Ab 145.990 Euro bietet er 918 PS und eine Höchstgeschwindigkeit von 256 km/h. Die Variante Sport Carbon beginnt bei 160.990 Euro. Der Emeya kommt für Käufer infrage, die einen leistungsstarken elektrischen GT suchen und ihre Entscheidung stärker an Gestaltung, Fahrwerk und Reisefähigkeiten ausrichten. Die Geschwindigkeitsmarke des Sapphire erreicht er allerdings nicht.
Weitere Herausforderer des Lucid Air Sapphire
Der Denza Z9GT EV kostet in Deutschland ab 142.000 Euro. Seine drei Elektromotoren liefern 1.156 PS, die Höchstgeschwindigkeit beträgt 270 km/h. Der Shooting Brake bringt Luftfederung und Hinterachslenkung mit und setzt mit seiner Flash-Charging-Technik einen besonderen Schwerpunkt auf schnelle Ladepausen. Damit ist er eine interessante Alternative für Käufer, die hohe Leistung mit einem praktisch nutzbaren Reisewagen verbinden möchten.
Der Xiaomi SU7 Ultra spielt mit 1.548 PS und einer ausgelegten Höchstgeschwindigkeit von rund 350 km/h ebenfalls in dieser außergewöhnlichen Klasse. In China startete er bei 529.900 Yuan. Dieser Preis lässt sich jedoch nicht als deutsches Angebot behandeln. Xiaomi hat den europäischen Marktstart einschließlich Deutschland für 2027 angekündigt; die konkrete hiesige Modellpalette und ihre Preise sind davon getrennt zu betrachten. Als internationaler Herausforderer gehört die viertürige Limousine bereits heute auf die Liste.
Der Zeekr 001 FR bietet vier Elektromotoren mit zusammen 930 kW, umgerechnet rund 1.265 PS, und erreicht 280 km/h. Damit bewegt er sich leistungsmäßig ausgesprochen nahe am Sapphire. Für deutsche Interessenten kommt allerdings eine zusätzliche Disziplin hinzu: die Beschaffung. Die FR-Version wird hierzulande und im regulären europäischen Zeekr-Vertrieb bislang nicht angeboten; ein offizieller deutscher Listenpreis fehlt. Der in Deutschland erhältliche Zeekr 001 ist eine deutlich schwächere Variante. Damit bleibt der FR ein technisch spannender internationaler Herausforderer, dessen Weg in die heimische Garage erheblich weniger geradlinig ausfällt als beim Lucid.
Eine besondere Randposition nimmt schließlich der Drako GTE ein. Der Hersteller nennt 1.200 amerikanische hp, entsprechend rund 1.217 PS, und etwa 332 km/h Höchstgeschwindigkeit. Vier Elektromotoren und vier Sitzplätze passen technisch gut in diesen Vergleich. Angekündigt wurde er allerdings als auf 25 Exemplare begrenzte Kleinserie mit einem damaligen Grundpreis von 1,25 Millionen US-Dollar. Seine heutige Lieferbarkeit und ein regulärer deutscher Vertrieb sind nicht bestätigt. Neben diesem Sammlerstück wirkt selbst die Viertelmillion für den Sapphire kurz erstaunlich bodenständig.
Text / Fotos: NEU!
Kamera: Canon EOS 6D
Vorteile ✅
- 1.251 PS; gemessener Bestwert von 1,94 Sekunden auf 100 km/h.
- Kompetentes Fahrwerk und gut dosierbare Carbon-Keramikbremsen.
- Großzügiger Innenraum, großer Kofferraum und zusätzlicher Frunk.
- Bis zu 311 kW DC; 8 bis 80 Prozent in 29 Minuten mit Vorkonditionierung.
- Serienmäßig Sitzmassage, Sitzbelüftung und DreamDrive Pro.
Nachteile ❌
- Rund 250.000 Euro ohne spürbar hochwertigeren Innenraum gegenüber dem Grand Touring.
- Festgelegte Farbe Sapphire Blue und Ausstattung; kein Glasdach erhältlich.
- Kein Head-up-Display; Spiegel- und Lenkradverstellung über Touch.
- Zeitweise Probleme mit Smartphone-Anbindung und DAB-Empfang.
- Lange Batterie-Vorkonditionierung für maximale Schnellladeleistung.
Technische Daten des Lucid Air Sapphire
| Modell | Lucid Air Sapphire |
| Länge x Breite x Höhe (m) | 5,01 x 1,99 (2,20 mit Außenspiegeln) x 1,41 |
| Radstand (mm) | 2.960 |
| Motor | Elektromotor (3x) |
| Batteriekapazität (kWh) | 118,0 |
| Leistung (kW / PS) | 920 / 1.251 |
| Drehmoment (Nm) | 1.940 |
| Getriebe | 1-Gang-Reduktionsgetriebe |
| Antrieb | Allrad |
| Kraftstoffart | Strom |
| Durchschnittsverbrauch (WLTP in kWh) | 19,1 |
| Durchschnittsverbrauch (NEU! in kWh) | 21,2 |
| CO²-Ausstoß (nach WLTP in g/km) | 0 |
| Ladeleistung (kW) | DC: 300 / AC: 22 |
| 0 auf 100 km/h (in Sekunden) | 2,0 (1,94 getestet) |
| Höchstgeschwindigkeit (km/h) | 330 |
| Leergewicht (kg) | 2.420 |
| Kofferraumvolumen (l) | 627 – 1.835 (+283 Frunk) |
| Farbe | Sapphire Blue Metallic |
| Grundpreis (Euro) | 250.000 |
| Testwagenpreis (Euro) | 250.000 |

































